Lieblings Berliner | Holzköppe

Kunst im öffentlich zugänglichen Raum, also auf Plätzen, Straßen, Hausfassaden, Vorgärten und so weiter ist nicht immer ein Highlight. Manchmal sind künstlerisch unbeflissene Entscheider am Werk, manchmal sind es schlicht Eitelkeiten, die in einer Art Übersprungshandlung künstlerisch befriedigt werden. Und am Ende steht ein kotzender Blechgaul mit diabolisch leuchtenden Augen direkt vor dem Hauptbahnhof in Berlin. Warum bringt das Ding denn niemand zum BER auf die grüne Wiese, da arbeitet jetzt derjenige, der das unbedingt haben wollte…?
Manchmal entdeckt man aber auch tolle Arbeiten, sei es Street Art, eine temporäre Installation oder eine traditionelle Skulptur.

Die Lieblings Berliner, die ich euch heute vorstellen möchte, sind sechs Figuren aus Holz. Es sind Skulpturen von Stephan Balkenhol, der um ein Haar auch das Denkmal für die Einheit Deutschlands gestaltet hätte. Er gilt als einer der beliebtesten zeitgenössischen deutschen Bildhauer, wer immer das auch entschieden haben mag. Auch wenn viele sie banal und künstlerisch total redundant finden; ich mag seine rohen Holzmenschen.

Der erste, den ich zuerst kennen gelernt habe, steht vor dem Axel-Springer-Gebäude, ist 5,70 Meter hoch und steht mit einem Bein auf der Mauer. Das tut er so lässig, es wirkt leicht und spielerisch. Trotzdem wirkt er ruhig und in sich gekehrt, fast als würde er gleich in eine stehende Yoga Asana übergehen. Er sieht, wie fast alle Balkenhol Menschen, unaufdringlich und alltäglich aus. Berlin, Axel Springer Haus, Mauer, Balanceakt, Diese alltägliche Banalität und die lässige Ruhe kontrastieren zu allen Bildern, die wir alle von dem Mauerfall im Auge haben, wo Menschenmassen ausgelassen und wild auf der Mauer getanzt und gefeiert haben. Es kontrastiert aber auch die Leichtigkeit der Überwindung mit der Tödlichkeit, die das Bauwerk jahrzehntelang bedeutet hat.

Holzskulptur in Passage, BerlinDie nächsten drei Typen stehen im Dom Aquarée. Ja, sowas gibt’s, in der Karl-Liebknecht-Straße, genau zwischen Alexanderplatz und Berliner Dom.  Direkt am Eingang stehen ein Mann und – tatataaa!- eine Frau auf enorm hohen Holzstehlen. Das macht das Fotografieren nicht leichter. Über den verwaisten Passagenrestaurants stehe sie und gucken -vermutlich sehnsüchtig- raus.Dom Aquarée, Architektur, KunstDie dritte Skulptur ist weiter hinten in der Passage, um sie zu betrachten muss man sich etwas hinein wagen. Da steht er, total verloren, ein Holzgesicht in total gesichtsloser Umgebung. Alle drei sind großartig abgehoben, abwesend und haben mit ihrer Umgebung überhaupt nix zu tun.

Die beiden letzten Jungs sind im Palais am Pariser Platz, also direkt am Brandenburger Tor, links.  Da steht der Große und guckt zur Tür raus. Dabei steht hinter ihm der Kleine, der dem Großen durch die Beine hindurch, in Richtung der anderen Tür schaut. Berlin, Brandenburger Tor, Holz, Plais am Pariser Platz

Hier kommt man richtig gut an die Arbeit ran, kann jeden Schnitzer erkennen und dem Kleinen genau ins Gesicht blicken. Der Große wirkt ruhig, stark und beschützend. Der Kleine hält sich mit einem Arm entspannt am Bein des Großen fest. Eine Geste, die ich von Kindern kenne, die sich an Erwachsenen Beinen festhalten, Schutz suchend aber gleichzeitig alles genau beobachtend. Dabei sieht der Kleine total erwachsen aus, abgesehen von der Haltung überhaupt nicht kindisch. Balkenhol Riese

Beide sind in der Erscheinung wieder total normal. Dunkle Hosen, helle Hemden, keine Auffälligkeiten im Gesicht keine besonderen Merkmale; und dennoch, es sind Figuren. Sie sind die Jedermänner, die unauffällig unter uns sind, sich aber durch ihre Ruhe, Größe, Weitsicht und Haltung von uns Geschäftlhubern. Für mich sind sie die entschleunigten,  gelassenen Zeitzeugen, Teilnehmer, Beobachter. Zwischen all den Spinnern, Spießern und Spezialisten stehen sie einfach da. Normal. Ohne sich hervorheben zu müssen. Und ohne beachtet werden zu wollen. Ich mag sie.

Was wiederum in totalem Kontrast zu den Orten steht, an denen ich sie gefunden habe: gruselige Un-Orte! Im Springer-Haus ensteht unter anderem das populistische Zeitungsmonster mit den vier Buchstaben, früher war hier die Mauer. Jetzt ist hier meistens Niemand. Um die Ecke ist der Checkpoint Charlie, aus unerfindlichen Gründen ein Touristenmagnet.

Das Dom Aquarée ist wirklich ganz schlimm. Ausschließlich für Touristen hingepflanscht, mit Restaurants und Bistros, die nur Touristenhunger stillen und den dazugehörigen Souvenirshops. Durch das Niemandsland zwischen Alex -der Platz war noch nie ein guter- und der Disney-Meile Unter den Linden muss man eigentlich schnell durch, am besten mit den Augen zu. Naja, die Marienkirche schräg gegenüber ist sehenswert…besonders der Totentanz.

Und fies ist auch das Palais am Pariser Platz. Touri-Gastro mit Bier, Kaffee und Würstchen in gediegener Atmosphäre und neutralem Design.  Da hilft nur die Flucht in den Tiergarten…

Aber wenn ihr eh das Touri-Programm fahren müsst – weil ihr Besuch rumführt, selber das traditionelle Sightseeing-Programm noch nicht erledigt habt oder weil ihr grade aus aberwitzigen Gründen in der Nähe sein, bescuht doch mal die Holzköppe. Ich bin gespannt, ob sie euch sympatisch sind, ob sie euch eine Geschichte erzählen oder ob ihr sie  – wie der eine oder andere Kunstkritiker- einfach blöde findet. Oder kennt ihr die anderen Typen aus Hamburg oder Salzburg? Ihr werdet sie erkennen, wenn ihr sie trefft.

Ein schönes Wochenende!

Advertisements

Feedback bitte hier!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s