Der Tag der Seuche

Am ersten Dezember denke ich immer an Afrika. An die Kinder, die ich dort kennen gelernt habe. Die mir stolz ihre Hühner gezeigt haben und die Mohrrüben, die sie selber angepflanzt hatten. Das Fahrrad, das der 13-jährige Vusi repariert hat und das alte Schwimmbad, das grade zum Open-Air-Theater umgebaut wurde.

Eine Entwicklungshilfegruppe hatte außerhalb eines sogenannten Squattercamps in der Nähe von Johannesburg eine großzügige Wohngemeinschaft eingerichtet, wo Mütter adoptierte Waisenkinder zusammen mit ihren eigenen aufziehen, erwachsene Männer haben auf dem gesamten Areal keinen Zutritt. Die Mitarbeiterin des Hilfsprogramms, die mich dorthin mitgenommen hat, unterhielt sich mit den Müttern über Probleme mit den Bauarbeiten und den neuen Ziegen. Ich verteilte derweil die mitgebrachte Limonade an die Kinder, ca. 20 im Alter zwischen 3 und 16 Jahren. Es war Nachmittags, die Hitze war enorm und ich hatte selber Durst auf Wasser. Nachdem ich den Gemüsegarten, die Ziege und die Hühner bewundert hatte bewegte ich mich -umringt von den Kindern wieder in die Nähe der anderen Erwachsenen, schließlich wollte ich ja etwas über die Organisation der Sozialeinrichtung erfahren. Da berichtete eine Mutter grade, dass sie ihren Kindern die Medizin nicht mehr geben möchte, weil es den kleinen danach immer so schlecht erginge. Bei der Medizin handelte es sich um die Aids-Prophylaxe, die in diesem Camp durch Spenden verteilt werden konnte. Natürlich, dachte ich, die Eltern der vielen Waisenkinder sind nicht alle bei Verkehrsunfällen verunglückt. Da war sie also, diese schreckliche Seuche, die in Europa fast nur noch anlässlich irgendwelcher Galas oder Jahrestage thematisiert wird. Ich erinnere mich, dass mir schlagartig eiskalt wurde, als mir die Frau von der Hilfsgruppe zuraunte, dass zwei der Kinder HIV-negativ getestet wurden.

Wütend wurde ich, als ich wieder in Deutschland war, und die Nachricht lesen musste, das in Deutschland die Zahl der Neuinfektionen weiterhin auf hohem Niveau ist. Vielfach aus Nachlässigkeit, aus Leichtsinn und weil Aids einfach kein Thema mehr ist. Immerhin haben hier die Infizierten eine gute Behandlungsmöglichkeit. Im Gegensatz zu anderen Regionen der Welt, wo HIV politisch und moralisch negiert wird und keine finanziellen Mittel für die Behandlung der Infizierten zur Verfügung steht. Dennoch, die 78.000 infizierten Menschen in unserer direkten Umgebung brauchen Solidarität und Normalität, keine Diskriminierung. Und der Kampf gegen diese elende Krankheit braucht Aufklärung, immer noch und immer wieder. Wo ist eigentlich die Fernsehwerbung aus den 80-ern mit Hella von Sinnen? Hier!

Ich hoffe, die Mütter konnten überzeugt werden, weiterhin die Medikamente zu verteilen und nicht der Sangoma allein mit der Heilung von HIV betraut wurde. Ich hoffe, den Kindern geht es gut.

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