Erinnern wir uns gemeinsam

Der 9. November ist in Deutschland ein zwiespältiger Tag.

Den meisten -zumal den Berlinern- ist der 9.November vor 24 Jahren im Gedächtnis, als Nachts die Mauer fiel. Jeder, der damals schon bei Bewusstsein war, kann sich erinnern, wo er war als die ersten Nachrichten gehört hat, was er in dieser Nacht gemacht hat, wie er den folgenden 10.November verbracht hat. Freude schöner Götterfunken – ein Feuerwerk der Freudentränen über das Ende von Grenzkontrolle, Ausreiseverbot und Todesstreifen.

Der andere 9. November liegt schon länger zurück. Dank intensiver Medienarbeit und fester Verankerung im Lehrplan ist er aber ebenfalls sehr präsent. Vor 75 Jahren fand -von langer Hand geplant, und von den primitiven Emporkömmlingen der SA-Schergen durchgeführt -die Reichsprogromnacht statt. Diese Nacht und die darauf folgenden Novemberprogrome sind die am besten erforschten und dokumentierten Vorfälle während der Gesamten Zeit des Nationalsozialismus. Seit dieser Nacht wurden Menschen jüdischen Glaubens nicht mehr nur diskriminiert und ausgegrenzt, von nun an wurden sie systematisch organisiert verfolgt und ermordet. Beleuchtete StolpersteineStaatsterror. Läden wurden zerstört, geplündert und Synagogen verbrannt. Menschen wurden abgeholt, entführt und ermordet. Und die Mehrheitsgesellschaft -der große Rest- hat nur im besten Fall weg geguckt und verdrängt. Die meisten haben aber wohl doch eher zugestimmt und/oder mitgemacht. Es haben sich nicht mehr genug gefunden, um gefahrlos gegen diese Unmenschlichkeit zu protestieren. Diese Passivität der Staatsgewalt gegenüber hat diesen 9.November möglich gemacht.

Wie kann man sich heute an beide Ereignisse erinnern und ihnen gleichermaßen gerecht werden? In den Nachrichten kontrastieren Erinnerungen von Jubel und Begeisterung mit denen der Scham und der Abscheu. Abgesehen von der erstaunlichen Geschichte, die diese beiden, in der Haltung gegenläufigen, Bewegungen verbindet, haben die Erinnerungen kaum etwas gemein. Was diese Erinnerungen verbindet ist die Mahnung an die kritische Kontrolle der Staatsgewalt. Einerseits hat der indoktrinierte Mob kritiklos klein bei gegeben als Mitglieder der Gesellschaft verfolgt wurden. Auf der anderen Seite haben viele kritische Bürger den Machtapparat der Diktatur in die Knie gezwungen und gemeinsam Demokratie durchgesetzt. Diese Aktivität hat diesen 9. November möglich gemacht.Stolpersteine mitten im Leben

Wir sollten tatsächlich beiden 9. Novembern gedenken und dabei vor allem unser Verhältnis zwischen Gesellschaft und Staatsmacht im Auge haben. Wenn wir kritisch im Auge haben, was unsere Abgeordneten für das Allgemeinwohl bestimmen, wenn wir bei Misständen aufstehen uns lautstark empören und nicht zulassen, dass die Gesellschaft geteilt wird, dann haben beide Ereignisse in der Zukunft einen Sinn gehabt. Wir haben jetzt eine Verfassung, die gar nicht mal so übel ist, lest sie mal wieder! Wir sind das Volk und alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Schaut euren gewählten Politikern auf die Finger, sie müssen sich an Recht und Gesetz halten und dem Allgemeinwohl dienen. Lasst nicht zu, dass staatliche oder andere Organe euch auf die Finger schauen. Wenn Staatsorgane anfangen das Volk zu kontrollieren kommt dabei nichts Gutes raus! Erinnert euch an die 9. November, beide sind wesentlicher Bestandteil unserer Geschichte, in beiden wird das Verhältnis vom Volk zum Staat erkennbar.Stolpersteine vor U-Bahneingang

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2 Antworten zu “Erinnern wir uns gemeinsam

    • Hallo,
      erst einmal habe vielen Dank für die beiden (funktionierenden) Links. Besonders das Gedicht und die Bilder dazu haben mich berührt. (die filmseite läd noch…irgendwas stimmt mit meiner verbindung nicht) Das ist aber auch genau das, was ich an diesem Tag empfunden habe: je vielfältiger die Erinnerungen sind und je vielfältiger Erinnerungsarbeit geleistet wird, desto unmöglicher wird Gleichschaltung und Diktatur. Was ich mit meinem Text versucht habe auszudrücken war nur der Gedanke, dass mangelnde Kritik und Kontrolle, zu wenig Widerstand in der breite der Gesellschaft zu dem totalen Grauen geführt haben, während vor 22 Jahren der breite, nachhaltige und friedliche Widerstand so weitreichende und erfreuliche Folgen hatte. Frei nach Stéphane Hessel: seid wachsam und empört euch!
      schade, dass schon wieder so viele Nazis gestört haben. Ich bin dankbar für jeden Funken Widerspruch dagegen.
      Dennoch und deshalb: schöne Karnevalszeit.
      Gruß Julia

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